Wie soll ich mich nennen? – Ingeborg Bachmann | Gedicht
Manchmal suchen wir nach einem Wort, das genau beschreibt, wer wir sind. Doch was, wenn kein Begriff wirklich passt? Wenn wir uns verändern, zwischen verschiedenen Rollen und Möglichkeiten bewegen und selbst nicht mehr wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen?
Das Gedicht „Wie soll ich mich nennen?“ von Ingeborg Bachmann kreist um genau diese Fragen. Es ist ein rätselhaftes, vielschichtiges Gedicht über Identität, Herkunft, Schuld, Veränderung und die Suche nach dem eigenen Ich.
Inspiration fĂĽr dein Herz
Und dann kommt ein zweiter Text – von Robert Gernhardt – der dieselbe große Frage auf ganz andere Weise behandelt: mit Humor.
Zwei Dichter, zwei völlig unterschiedliche Tonlagen und doch eine gemeinsame Frage:
Wer bin ich – und wie soll ich mich nennen?
Wie soll ich mich nennen? – Ingeborg Bachmann
Einmal war ich ein Baum und gebunden,
dann entschlĂĽpft ich als Vogel und war frei,
in einem Graben gefesselt gefunden,
entlieĂź mich berstend ein schmutziges Ei.
Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,
woher ich komme und wohin ich geh,
ich bin von vielen Leibern besessen,
ein harter Dorn und ein flĂĽchtendes Reh.
Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an ihrem Stamm …
Wann begann die Schuld ihren Reigen,
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?
Aber in mir singt noch ein Beginnen
- oder ein Enden – und wehrt meiner Flucht,
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.
Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein …
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.
Ingeborg Bachmann (1926–1973)
Ein Ich, das sich ständig verändert
Schon die erste Strophe macht deutlich, dass dieses lyrische Ich nicht eindeutig festgelegt werden kann.
Es war einmal ein Baum.
Dann ein Vogel.
Dann etwas, das aus einem Ei hervorbricht.
Die Bilder wechseln ständig.
Gebundenheit wird zu Freiheit, Freiheit wieder zu Gefangenschaft und daraus entsteht etwas Neues.
Das Ich scheint sich immer wieder zu verwandeln.
Es besitzt keine feste Form.
Vielleicht ist genau das die zentrale Erfahrung des Gedichts: Identität ist nicht unbedingt etwas Unveränderliches.
Wir sind nicht immer derselbe Mensch.
Wir verändern uns durch Erfahrungen, Beziehungen, Entscheidungen und Verluste.
Und manchmal erkennen wir uns selbst kaum wieder.
„Woher ich komme und wohin ich geh“
Diese Frage gehört zu den grundlegendsten Fragen des menschlichen Lebens:
Woher komme ich?
Wohin gehe ich?
Das lyrische Ich hat darauf keine Antwort.
Es sagt:
„ich habe vergessen“
Damit wird die Suche nach Identität noch schwieriger.
Die eigene Herkunft scheint verloren.
Und gleichzeitig ist die Zukunft ungewiss.
Zwischen Vergangenheit und Zukunft bleibt ein Ich, das versucht, sich selbst zu verstehen.
Viele Leiber, viele Gestalten
„Ich bin von vielen Leibern besessen“
Dieser Vers verstärkt den Eindruck einer Identität, die aus vielen verschiedenen Teilen besteht.
Vielleicht sind es die Menschen, denen wir begegnet sind.
Vielleicht frĂĽhere Versionen von uns selbst.
Vielleicht Erfahrungen, Erinnerungen und Rollen, die wir im Laufe unseres Lebens angenommen haben.
Wir sind Tochter oder Sohn, Freund oder Freundin, Partner, Elternteil, Berufstätige, Reisende, Suchende oder Außenseiter.
Aber welche dieser Rollen beschreibt wirklich unser Innerstes?
Vielleicht keine allein.
Vielleicht bestehen wir aus all diesen verschiedenen Gestalten.
Baum, Dorn und Reh
Die Bilder des Gedichts sind ungewöhnlich und wechseln ständig.
Ein Baum steht fĂĽr Verwurzelung.
Ein Vogel kann Freiheit symbolisieren.
Ein Dorn kann verletzen.
Ein Reh steht fĂĽr etwas FlĂĽchtiges und Scheues.
Das lyrische Ich scheint all diese Eigenschaften in sich zu tragen.
Es kann fest verwurzelt sein.
Und gleichzeitig davonfliegen wollen.
Es kann verletzen.
Und selbst verletzlich sein.
Es kann bleiben.
Und gleichzeitig fliehen.
Dadurch entsteht ein Bild des Menschen als widersprĂĽchliches Wesen.
Freund oder Feind?
Besonders eindrucksvoll wird dieser Widerspruch in den Zeilen:
„Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an ihrem Stamm“
Heute ist das Ich ein Freund.
Morgen wird es zum Zerstörer.
Auch darin steckt eine Frage nach Schuld.
Wir können etwas lieben und es trotzdem verletzen.
Wir können Menschen nahe sein und ihnen dennoch wehtun.
Wir können die Natur bewundern und gleichzeitig Teil einer Welt sein, die sie zerstört.
Das Gedicht lässt offen, worauf sich diese Bilder genau beziehen.
Und gerade diese Offenheit macht sie so interessant.
Wann beginnt Schuld?
Dann stellt das lyrische Ich die vielleicht schwerste Frage:
„Wann begann die Schuld ihren Reigen“
Wo beginnt Schuld eigentlich?
Bei einer Entscheidung?
Bei einer Handlung?
Bei einem Gedanken?
Oder schon viel frĂĽher?
Das Gedicht gibt keine Antwort.
Stattdessen entsteht das GefĂĽhl, dass Schuld etwas ist, das den Menschen verfolgt.
Der „Pfeil dieser Schuld“ taucht später erneut auf.
Er scheint das Ich immer wieder zu finden – egal, in welcher Gestalt es sich befindet.
„Von Samen zu Samen“
Das Bild des Samens bringt einen neuen Gedanken hinein.
Samen stehen fĂĽr Anfang und Fortsetzung.
Aus einem Samen entsteht neues Leben.
Dieses Leben trägt wiederum die Möglichkeit für neues Leben in sich.
Das lyrische Ich bewegt sich von „Samen zu Samen“.
Es scheint Teil eines endlosen Kreislaufs zu sein.
Geburt.
Veränderung.
Vergehen.
Neubeginn.
Vielleicht ist die Identität deshalb nicht als feste Linie zu verstehen, sondern als ständige Bewegung.
Beginnen oder Enden?
Besonders schön und gleichzeitig rätselhaft sind diese Worte:
„Aber in mir singt noch ein Beginnen
- oder ein Enden –“
Das lyrische Ich weiß selbst nicht, ob etwas gerade anfängt oder endet.
Vielleicht ist beides gleichzeitig möglich.
Ein Ende kann der Anfang von etwas Neuem sein.
Ein Neubeginn kann gleichzeitig bedeuten, dass etwas Altes verloren geht.
So wie der Vogel aus dem Ei kommt, muss etwas Vorheriges zerbrechen.
Veränderung bedeutet immer auch Abschied.
Die Suche nach dem eigenen Namen
Am Ende wird die groĂźe Frage des Gedichts ganz direkt ausgesprochen:
„Wie soll ich mich nennen“
Ein Name gibt Identität.
Er macht einen Menschen unterscheidbar.
Er sagt:
Das bin ich.
Doch genau dieser Name fehlt.
Das lyrische Ich kann sich nicht eindeutig festlegen.
Es ist Baum und Vogel.
Dorn und Reh.
Freund und Verletzer.
Anfang und Ende.
Vielleicht ist die Antwort auf die Frage deshalb gerade nicht ein bestimmter Name.
Vielleicht besteht das Ich aus WidersprĂĽchen, die sich nicht in einem einzigen Wort zusammenfassen lassen.
„Ein Wort nur fehlt!“
Diese Zeile ist besonders wichtig:
„Ein Wort nur fehlt!“
Das lyrische Ich glaubt offenbar, dass es ein Wort geben mĂĽsste, das alles zusammenfasst.
Ein Wort, das erklärt, wer es ist.
Doch dieses Wort wird nicht gefunden.
Und dann folgt:
„ohne in anderer Sprache zu sein.“
Sprache wird hier selbst zum Problem.
Wie kann man sich selbst beschreiben, wenn die vorhandenen Wörter nicht ausreichen?
Vielleicht kennt jeder Mensch dieses GefĂĽhl.
Man möchte erklären, wer man ist.
Doch jede Beschreibung wirkt plötzlich zu klein.
Man ist mehr als Beruf, Herkunft, Alter, Rolle oder Beziehung.
Das Gedicht macht aus dieser Schwierigkeit eine poetische Suche.
Ingeborg Bachmann – eine Stimme der deutschsprachigen Literatur
Ingeborg Bachmann wurde 1926 in Klagenfurt geboren und gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts.
Sie schrieb Gedichte, Erzählungen, Hörspiele und Romane.
Ihre Texte beschäftigen sich häufig mit Sprache, Identität, Liebe, Gewalt, Erinnerung und den Folgen der Geschichte.
Bachmann gehörte zur Gruppe 47, einer wichtigen literarischen Vereinigung der Nachkriegszeit.
Ihr Schreiben ist häufig von einer besonderen Spannung geprägt: Die Sprache soll etwas ausdrücken, stößt dabei aber immer wieder an ihre eigenen Grenzen.
Genau diese Spannung ist auch in „Wie soll ich mich nennen?“ spürbar.
Das Ich sucht nach einem Wort für sich selbst – und findet es nicht.
Ein ganz anderer Blick: Robert Gernhardt
Nach dem rätselhaften und philosophischen Gedicht von Ingeborg Bachmann folgt ein völlig anderer Umgang mit dem Thema.
Robert Gernhardt nimmt die Frage nach dem Denken und Sprechen nicht tragisch.
Er macht daraus einen Scherz.
Eines Tags geschah es Kant
Eines Tags geschah es Kant,
dass er keine Worte fand.
Stundenlang hielt er den Mund,
und er schwieg – nicht ohne Grund.
Ihm fiel absolut nichts ein,
drum lieĂź er das Sprechen sein.
Erst als man zum Essen rief,
wurd‘ er wieder kreativ,
und er sprach die schönen Worte:
„Gibt es hinterher noch Torte?“
Robert Gernhardt (1937–2006)
Wenn der große Philosoph plötzlich sprachlos ist
Robert Gernhardt nimmt hier eine der berühmtesten Figuren der Philosophiegeschichte und stellt sie in eine ganz alltägliche Situation.
Immanuel Kant gilt als einer der großen Denker der europäischen Philosophie.
Gernhardt lässt ihn jedoch nicht über Erkenntnis, Vernunft oder Moral sprechen.
Kant hat schlicht:
nichts zu sagen.
Zumindest zunächst.
Und genau daraus entsteht der Humor.
Von der Philosophie zur Torte
Der Witz funktioniert durch den Gegensatz.
Man erwartet von Kant groĂźe philosophische Gedanken.
Stattdessen interessiert ihn am Ende eine sehr einfache Frage:
„Gibt es hinterher noch Torte?“
Ausgerechnet der groĂźe Denker wird auf ein ganz menschliches BedĂĽrfnis reduziert.
Essen.
Genuss.
Torte.
Und genau darin liegt Gernhardts Humor.
Er holt den berĂĽhmten Philosophen vom hohen Podest herunter und macht ihn zu einem Menschen wie jeden anderen.
Zwei Gedichte – zwei Arten, über das Ich nachzudenken
Die beiden Texte könnten kaum unterschiedlicher sein.
Ingeborg Bachmann fragt ernst und existenziell:
Wer bin ich?
Wie kann ich mich definieren?
Woher komme ich?
Wohin gehe ich?
Was ist Schuld?
Und welches Wort beschreibt mich?
Robert Gernhardt dagegen nimmt das Denken selbst aufs Korn.
Bei ihm wird aus dem großen Philosophen ein Mensch, der schließlich doch nur wissen möchte, ob es Torte gibt.
Das zeigt, wie unterschiedlich Literatur mit ähnlichen Themen umgehen kann.
Die eine Seite sucht nach der groĂźen Wahrheit.
Die andere findet das Komische im ganz normalen Leben.
Warum beide Texte zusammen interessant sind
Auf den ersten Blick haben die beiden Gedichte kaum etwas miteinander zu tun.
Das eine ist dunkel, rätselhaft und philosophisch.
Das andere ist kurz, leicht und komisch.
Doch beide beschäftigen sich mit etwas sehr Menschlichem:
mit dem Denken, der Sprache und der Frage, was in einem Menschen vorgeht.
Bachmann zeigt, wie schwierig es sein kann, sich selbst mit Worten zu erfassen.
Gernhardt zeigt, wie absurd menschliches Denken manchmal wirken kann.
Und vielleicht brauchen wir beides.
Die Fähigkeit, über die großen Fragen des Lebens nachzudenken.
Aber auch die Fähigkeit, darüber zu lachen.
Vielleicht gibt es nicht nur ein Wort fĂĽr uns
„Wie soll ich mich nennen?“ bleibt am Ende unbeantwortet.
Vielleicht ist das gar kein Mangel.
Vielleicht gibt es tatsächlich kein einzelnes Wort, das einen Menschen vollständig beschreiben kann.
Wir sind nicht nur das, was andere in uns sehen.
Und wir sind auch nicht nur das, was wir selbst über uns erzählen.
Wir verändern uns.
Wir widersprechen uns.
Wir beginnen neu.
Wir scheitern.
Wir lernen.
Wir lieben.
Wir verlieren.
Wir werden jemand anderes – und bleiben trotzdem wir selbst.
Vielleicht muss man sich deshalb nicht immer eindeutig benennen können.
Vielleicht reicht es manchmal, unterwegs zu sein.
Und wenn die Suche nach der richtigen Antwort zu schwer wird, hilft vielleicht genau das, was Robert Gernhardt uns vormacht:
Manchmal darf man die groĂźen Fragen auch einfach fĂĽr einen Moment beiseitelegen.
Und fragen:
Gibt es hinterher noch Torte?