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Beiträge veröffentlicht in “inspirierende Geschichten”

Erzählen fürs Herz: Der blinde Moslem Mohamed und der gehbehinderte Christ Samir | Freunde | unterschiedliche Religionen

Der blinde Moslem Mohamed und der gehbehinderte Christ Samir

Dieses Foto wurde 1899 in Damaskus aufgenommen. Der Zwerg ist Samir. Er ist Christ und kann nicht laufen. Derjenige, der ihn auf seinem Rücken trägt, ist Mohamed. Er ist Moslem und er ist blind.
Mohamed verlässt sich darauf, dass Samir ihm sagt, wohin er gehen soll, und Samir benutzt den Rücken seines Freundes, um durch die Straßen der Stadt zu navigieren. Sie waren beide Waisen und lebten im selben Zimmer.

Samir war ein Hakawati, er hatte die Gabe des Erzählens und erzählte den Kunden eines Cafés in Damaskus Geschichten aus Tausend und einer Nacht, Mohamed verkaufte Bolbolas vor demselben Café und hörte gerne den Geschichten seines Freundes zu.

Eines Tages, als er sich in sein Zimmer zurückzog, fand Muhammad seinen Gefährten tot vor. Er weinte und trauerte sieben Tage lang um seinen Freund. Auf die Frage, wie sie denn so gut miteinander auskämen, antwortete er nur so:
„Hier waren wir gleich“, zeigte mit der Hand auf sein Herz.

Das Herz der Sache ist, dass es eine Herzensangelegenheit ist.

Beppo, der Straßenkehrer

 

Es war einmal …

Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte. 

Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit. 

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: 
Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. 
Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: 
Schritt – Atemzug – Besenstrich.  

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. “Siehst du, Momo”, sagte er dann zum Beispiel, “es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.”  

 

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: 
“Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.” 
Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: 
“Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.” Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: 
“Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.” 

 

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: 
“Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.” 
Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: 
“Das ist wichtig.” 

 

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