leben

Mein Herz ist trauig | Heinrich Heine

Mein Herz, mein Herz ist traurig,
Doch lustig leuchtet der Mai;
Ich stehe, gelehnt an der Linde,
Hoch auf der alten Bastei.
Da drunten fließt der blaue
Stadtgraben in stiller Ruh‘;
Ein Knabe fÀhrt im Kahne,
Und angelt und pfeift dazu.
Jenseits erheben sich freundlich,
In winziger, bunter Gestalt,
LusthÀuser, und GÀrten, und Menschen,
Und Ochsen, und Wiesen, und Wald.
Die MĂ€gde bleichen WĂ€sche,
Und springen im Gras herum;
Das MĂŒhlrad stĂ€ubt Diamanten,
Ich höre sein fernes Gesumm‘.
Am alten grauen Turme
Ein SchilderhÀuschen steht;
Ein rotgeröckter Bursche
Dort auf und nieder geht.
Er spielt mit seiner Flinte,
Die funkelt im Sonnenrot,
Er prĂ€sentiert und schultert –
Ich wollt, er schösse mich tot.  Heinrich Heine 

Gefunden | Johann Wolfgang von Goethe

Ich ging im Walde so fĂŒr mich hin,
und nichts zu suchen, das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich ein BlĂŒmchen steh’n
Wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön.
Ich wollt’ es brechen, da sagt’ es fein:
Soll ich zum Welken gebrochen sein?
Ich grub’s mit allen WĂŒrzlein aus,
zum Garten trug ich’s, am hĂŒbschen Haus,
Und pflanzt es wieder am stillen Ort.
Nun zweigt es immer und blĂŒht so fort.  Johann Wolfgang von Goethe 

Schönste Jungfrau | Heinrich Heine

Ich weiss nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein MĂ€rchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kĂŒhl und es dunkelt,
Und ruhig fliesset der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kÀmmt ihr goldenes Haar.
Sie kÀmmt es mit goldenem Kamme,
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.  Heinrich Heine 

Kritik des Herzens | Wilhelm Busch

Wirklich, er war unentbehrlich!
Überall, wo was geschah
Zu dem Wohle der Gemeinde,
Er war tÀtig, er war da.
SchĂŒtzenfest, KasinobĂ€lle,
Pferderennen, Preisgericht,
Liedertafel, Spritzenprobe,
Ohne ihn, da ging es nicht.
Ohne ihn war nichts zu machen,
Keine Stunde hatt‘ er frei.
Gestern, als sie ihn begruben,
War er richtig auch dabei.  Wilhelm Busch 

Der Einsame | Wilhelm Busch

Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
Ihn stört in seinem Lustrevier
Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier,
Und niemand gibt ihm weise Lehren,
Die gut gemeint und bös zu hören.
Der Welt entronnen, geht er still
In Filzpantoffeln, wann er will.
Sogar im Schlafrock wandelt er
Bequem den ganzen Tag umher.
Er kennt kein weibliches Verbot,
Drum raucht und dampft er wie ein Schlot.
GeschĂŒtzt vor fremden SpĂ€herblicken,
Kann er sich selbst die Hose flicken.
Liebt er Musik, so darf er flöten,
Um angenehm die Zeit zu töten,
Und laut und krÀftig darf er prusten,
Und ohne RĂŒcksicht darf er husten,
Und allgemach vergisst man seiner.
Nur allerhöchstens fragt mal einer:
Was, lebt er noch? Ei, Schwerenot,
Ich dachte lÀngst, er wÀre tot.
Kurz, abgesehn vom Steuerzahlen,
LĂ€sst sich das GlĂŒck nicht schöner malen.
Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut.  Wilhelm Busch 

Denk es, o Seele! | Eduard Mörike

Ein TĂ€nnlein grĂŒnet wo,
Wer weiss im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele!
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.
Zwei schwarze Rösslein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern SprĂŒngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!  Eduard Mörike 

Die unmögliche Tatsache | Christian Morgenstern

Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge ĂŒberfahren.
Wie war (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
möglich, wie dies UnglĂŒck, ja -:
daß es ĂŒberhaupt geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagen
in Bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?
Oder war vielmehr verboten
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln – kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht -?
EingehĂŒllt in feuchte TĂŒcher,
prĂŒft er die GesetzesbĂŒcher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!
Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf.  Christian Morgenstern 

Sehnsucht | Joseph von Eichendorff

Es schienen so golden die Sterne
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prÀchtigen Sommernacht!
Zwei junge Gesellen gingen
VorĂŒber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden FelsenschlĂŒften,
Wo die WĂ€lder rauschen so sacht
Von Quellen, die von den KlĂŒften
Sich stĂŒrzen in die Waldesnacht.
Sie sangen von Marmorbildern,
Von GĂ€rten, die ĂŒberm Gestein
In dÀmmernden Lauben verwildern
PalÀsten im Mondenschein,
Wo die MĂ€dchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prĂ€chtigen Sommernacht. –  Joseph von Eichendorff 

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