Johann Wolfgang von Goethe

Gefunden | Johann Wolfgang von Goethe

Ich ging im Walde so fĂŒr mich hin,
und nichts zu suchen, das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich ein BlĂŒmchen steh’n
Wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön.
Ich wollt’ es brechen, da sagt’ es fein:
Soll ich zum Welken gebrochen sein?
Ich grub’s mit allen WĂŒrzlein aus,
zum Garten trug ich’s, am hĂŒbschen Haus,
Und pflanzt es wieder am stillen Ort.
Nun zweigt es immer und blĂŒht so fort.  Johann Wolfgang von Goethe 

An den Mond | Johann Wolfgang von Goethe

FĂŒllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;
Breitest ĂŒber mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.
Jeden Nachklang fĂŒhlt mein Herz
Froh- und trĂŒber Zeit,
Wandle zwischen Freud und Schmerz
In der Einsamkeit.
Fliesse, fliesse, lieber Fluss!
Nimmer werd ich froh,
So verrauschte Scherz und Kuss,
Und die Treue so.
Ich besass es doch einmal,
Was so köstlich ist!
Dass man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergisst!
Rausche, Fluss, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flĂŒstre meinem Sang
Melodien zu,
Wenn du in der Winternacht
WĂŒtend ĂŒberschwillst
Oder um die FrĂŒhlingspracht
Junger Knospen quillst.
Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschliesst,
Einen Freund am Busen hÀlt
Und mit dem geniesst,
Was von Menschen nicht gewusst
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.  Johann Wolfgang von Goethe 

Gesang der Geister ĂŒber den Wassern | Johann Wolfgang von Goethe

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stÀubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrausschend
Zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
SchÀumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.
Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.
Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
SchÀumende Wogen.
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!  Johann Wolfgang von Goethe 

Maifest | Johann Wolfgang von Goethe

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glÀnzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!
Es dringen BlĂŒten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem GestrÀuch
Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne,
O GlĂŒck, o Lust,
O Lieb, o Liebe,
So golden schön
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn,
Du segnest herrlich
Das frische Feld –
Im BlĂŒtendampfe
Die volle Welt!
O MĂ€dchen, MĂ€dchen,
Wie lieb ich dich!
Wie blinkt dein Auge,
Wie liebst du mich!
So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,
Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Mut
Zu neuen Liedern
Und TĂ€nzen gibst.
Sei ewig glĂŒcklich,
Wie du mich liebst.  Johann Wolfgang von Goethe 

Der Zauberlehrling - Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe

Der Zauberlehrling | Gedicht | Johann Wolfgang von Goethe

Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
merkt‘ ich und den Brauch,
und mit GeistesstÀrke
tu ich Wunder auch.
Walle! walle
manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten LumpenhĂŒllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfĂŒlle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!
Walle! walle
manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er lÀuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser fĂŒllt!
Stehe! stehe!
Denn wir haben
deiner Gaben
voll gemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er lÀuft und bringt behende!
WĂ€rst du doch der alte Besen!
Immer neue GĂŒsse
bringt er schnell herein,
ach! und hundert FlĂŒsse
stĂŒrzen auf mich ein.
Nein, nicht lÀnger
kann ich’s lassen;
will ihn fassen.
Das ist TĂŒcke!
Ach! nun wird mir immer bÀnger!
Welche Miene! welche Blicke!
O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich ĂŒber jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!
Willst’s am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte SchÀrfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!
Wehe! wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen MĂ€chte!
Und sie laufen! Nass und nÀsser
wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches GewÀsser!
Herr und Meister! hört mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.
»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu seinem Zwecke
erst hervor der alte Meister.«

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