Lustige Kurzgeschichte: Bluse kaufen

Lustige Kurzgeschichte - Bluse kaufen
 

 

 

Ich hĂ€tte nein sagen sollen oder dass ich etwas vorhĂ€tte, als mich meine Tante Dorchen Faßbender am Eingang des amerikanischen Riesen-Warenhauses mit Beschlag belegte und mich bat, sie zu begleiten: sie mĂŒsste sich nur eben eine Bluse kaufen, erklĂ€rte sie obenhin.
Eine Bluse kaufen, das war ja schließlich eine einfache und schnell erledigte Sache, dachte ich mir und ging mit. Außerdem hatte die Tante mir schon hĂ€ufiger Rechnungen meines Schneiders bezahlt, das war entsprechend zu beachten. 

Der Scharfsinn eines Indianers gehört dazu, um sich in einem modernen Warenhaus zurechtzufinden und noch zu Lebzeiten den begehrten Gegenstand zu kaufen. Die Tante sagte, sie wisse Bescheid, und drĂ€ngte sich durch die Menge, die sich in den GĂ€ngen zwischen den VerkaufsstĂ€nden hin- und herschob. Sie trat energisch auf sie hindernde FĂŒĂŸe und stieß Langsame mit der KrĂŒcke ihres Zanellaschirmes verstohlen in den RĂŒcken. 


»Da drĂŒben bekommen wir das GewĂŒnschte«, sagte sie mit Bestimmtheit. Ich vertraute der Tante. Wir schoben nach drĂŒben. 
Wir blieben einen Augenblick am Verkaufsstand fĂŒr Emaille Geschirr stehen. »Was darf’s sein?« fragte verbindlich ein rotbackiges FrĂ€ulein. 
»O, wo finde ich Blusen?« erkundigte sich die Tante, die scheinbar doch nicht so ganz Bescheid wusste. 
»Bitte, erste Etage, Aufzug«, war die Antwort. Die Tante zog vor, die Treppe zu benutzen, aus Vorsicht. Es sei einmal ein junger Mann im Aufzug zerquetscht worden. Diese Legende geht von jedem Aufzug. 


»Blusen – bitte rechts und dann links«, wies uns ein Herr in mittleren Jahren, den man Herr Markuse nannte und der scheinbar eine Rolle spielte. Wir waren geschmeichelt und gingen in die bezeichnete Richtung. 


»Nein, nein, nein«, schrie die Tante plötzlich unwillig, als sie an dem gesuchten Stand von Blusen ankam und die Auslagen musterte. »Ich will keine fertige Bluse, ich will Stoff fĂŒr eine Bluse, im Haus zu nĂ€hen. Da steht man sich billiger«, raunte sie mir erklĂ€rend zu. 
Ich fand das sehr unangebracht, so eine Bluse erst mal mit großen UmstĂ€nden zu nĂ€hen, wo man sie doch hier fix und fertig zum Anziehen kaufen konnte. Überhaupt bereute ich ein wenig meine Bereitwilligkeit, die Tante zu diesem Blusenkauf zu begleiten. 
»Ah, Stoff fĂŒr eine Bluse fĂŒr die Dame?« sagte verstehend Herr Markuse, der uns gefolgt war. »Bitte, bemĂŒhen sich die Herrschaften nach der vierten Etage, dort finden Sie, was Sie wĂŒnschen.« 


Wieder mĂŒhselige Treppen, trotz des Asthmas der Tante. Solche AufzĂŒge bleiben schon mal stecken, dann verhungern die Insassen. Das ist auch so eine Legende, die man sich von jedem Aufzug erzĂ€hlt. 
NatĂŒrlich entsprach der Stoff, den man der Tante auf der vierten Etage vorlegte, keineswegs ihren WĂŒnschen und Absichten. Was man ihr da zeigte, war doch Wolle, was fĂŒr Dienstboten zu Weihnachten, aber nicht fĂŒr eine Staatsbluse der gnĂ€digen Frau zu gebrauchen war. 
»Wolle hĂ€lt aber doch warm«, meinte ich schĂŒchtern. 
»Ist aber nicht schick«, strafte mich die Tante. »Ich will die Bluse fĂŒr das Zoologische-Garten-Konzert; Frau Bender soll die Platze kriegen«, lachte sie hĂ€misch.
Jetzt kam es heraus; die Tante wollte eine seidene Bluse bzw. den Stoff dazu. 


»Da mĂŒssen sie sich nach unten bemĂŒhen, dort rechts vom Haupteingang, etwa vierzig Minuten weit, ist die Seidenabteilung«, klĂ€rte man sie auf. »Dort ist der Aufzug.« Sie begann von der 150 Meter hohen Vierten-Etagen-Treppe den mĂŒhevollen Abstieg. Das Seil konnte reißen und der Aufzug herunterrasen und zerschmettern. Das war auch so eine Legende, die die Tante bewog, das gefĂ€hrliche Vehikel nicht zu benutzen. 

Ich sagte leise das kleine Einmaleins auf und berechnete aus dem Wachsen meines Bartes, wie lange wir uns bereits hier in dem Warenhause befanden. Durch das Treppensteigen bekam ich ein mĂŒdes GefĂŒhl in den Kniekehlen, wie wenn ich dreimal hintereinander das Matterhorn bestiegen hĂ€tte, ein Klavier mit Lehrer im Rucksack. 


Tante Dorchen war von der stillen Resignation eines Menschen, der weiß, was er will. 
Ich war so zerstreut, daß ich der blondlockigen VerkĂ€uferin der ParfĂŒmerieabteilung, wo ich immer meine Seife kaufte, in Gedanken auf das OhrlĂ€ppchen kĂŒsste.
»Seide dort, Blusenseide dort«, zeigte ein anderer Herr Markuse, der Cohn genannt wurde, auf eine lange Reihe Theken, hinter welchen himmelhohe Regale standen, wie in einer Bibliothek. Die FĂ€cher waren angefĂŒllt mit StĂ¶ĂŸen von flachen Paketen. Zwischen den Regalen und den Theken waren FrĂ€uleins in Schwarz, nette und weniger nette, mit Scheren an BĂ€ndern um den Hals und an der Seite einen baumelnden Abreißblock, eingesperrt. Manche aßen verstohlen aus einem verborgenen Butterbrotpaket. Das durfte Herr Cohn nicht sehen. 
Aus dem Gesicht der Tante entnahm ich, daß wir nun endlich am Ziel angekommen waren. Meine Lethargie wich ein wenig. Es war aber noch nicht aller Tage Abend! O, ich KleinglĂ€ubiger! 


Sobald die Tante kurz den Wunsch nach Blusenseide geĂ€ußert hatte, kletterten – husch, husch! – entzĂŒckende LackfĂŒĂŸchen auf gelben Leitern an den Bibliotheksregalen hinauf. Oft blieb der Rock an einer Sprosse hĂ€ngen, welches Malheurchen ein graziöses Beinchen mir entgegenkommend dekolletierte. Die Tante setzte sich ihre Brille auf, die sie aus einem Lederetui hervorzog. Das Etui machte beim Abziehen des Deckels »Pff«, die Tante setzte die Brille auf, nicht der Beinchen wegen, sondern um den Stoff zu prĂŒfen. Ich putzte meinen Kneifer – hm, hm, ich musste doch der Tante behilflich sein! 

StĂ¶ĂŸe von flachen Paketen warfen die FrĂ€uleins in Schwarz klatschend auf die Theke und entrollten sie zu Streifen Seide in allen möglichen Farben. Dabei priesen sie in ĂŒberschwĂ€nglicher Weise die Ware: »Prima, prima, das beste auf dem Markt, leitest FĂ€schen, englisch, fabelhafte Verarbeitung, Frau Bankier Safe (sprich: SĂ€w) nahm zehn Meter fĂŒr eine Robe, doppelte Breite, mit Selfkante (ich kannte nur den Selfmademan, aber keine Kante, die sich selbst machte, aber höchstens die Wasserkante), gut zu verarbeiten und haltbar, Sie glauben es nicht, gnĂ€dige Frau!« Immer neue Pakete wurden aufgerollt. Ein Meer von Farben ergoss sich ĂŒber die Theke. Die Tante war in fieberhafter TĂ€tigkeit, ihr sonst bleiches Gesicht war hektisch gerötet, die Warze an der Nase war zu einem Apfel angeschwollen, mit zitternden HĂ€nden wĂŒhlte sie in der Seide, prĂŒfte den Stoff und die Farbe, bat das FrĂ€ulein in Schwarz, mit dem betreffenden StĂŒck auf die Straße zu gehen, um die Farben bei Tageslicht beurteilen zu können. Etwa 1200mal lief sie, begleitet von einer VerkĂ€uferin, die immer durch eine neue ersetzt werden musste, da sie haufenweise vor Ermattung zusammenbrachen, die Strecke von der Seidenabteilung bis zum Ausgang. Ich rannte im Anfang getreu als SachverstĂ€ndiger fĂŒr Farben mit (ich bin Mitglied des Sonderbundes, Beitrag 10 Mark, war zur Untersuchung im Irrenhaus, weil ich aus mir selber geraten habe, wo auf einem futuristischen GemĂ€lde von Marinetti der GĂ€rtner war), verlor dann aber die Lust zu rennen, nahm mir ein Auto und fuhr neben der Tante hin und her.
Die Tante konnte sich nicht schlĂŒssig werden. Wie unter einem unerbittlichen Schicksal raste sie hin und her, den armen VerkĂ€uferinnen zum Verderben. Die Haarnadeln der Tante waren weißglĂŒhend.  


Alle Farben der Welt zogen vorbei, nur kein Blau, was die Tante von vornherein nicht wĂŒnschte. Nun fiel ihr ein, dass es ein bestimmtes Blau gebe, was ihr sehr gut zu Gesicht stĂ€nde. Ob man dieses Blau habe? Einige der VerkĂ€uferinnen, die aus den Strapazen der Rennerei ihr schwaches Leben gerettet hatten, schleppten sich an die Regale und erklĂ€rten mit mĂŒden Stimmen, blaue Stoffe seien auf der zehnten Etage. Die Herrschaften möchten sich hinaufbemĂŒhen. Ich habe mit dem Nordpolforscher Cook den Mount MacKinley in Lackschuhen bestiegen; jetzt schauderte mir vor der zehnten Etage. Die Tante war nicht zu bewegen, den Lift zu benutzen. Sie machte sich, trotz ihrer geschwollenen Ballen, an den Treppenaufstieg zur zehnten Etage. Ich drĂŒckte mich in den Aufzug und war schnell und mĂŒhelos bald oben. Drei Wochen spĂ€ter kam die Tante an, die alte eiserne Energie, Stoff fĂŒr eine Bluse zu kaufen, in den ZĂŒgen. Sie erinnerte an Bismarck, wenn er etwas durchsetzen wollte. 


Pfadfinder wiesen uns den Weg zum blauen Stoff. Der Stand befand sich 21 Kilometer von der Treppe und dem Lift. Ja, dieses Warenhaus war von enormen Dimensionen; es stellte in seiner bebauten FlÀche Elsass-Lothringen in den Schatten. 
Es gab etwa zehn verschiedene Blau. NatĂŒrlich mussten diese StĂŒcke auch wieder dem Tageslicht ausgesetzt werden. Das hĂ€tte Monate gedauert, wenn die Tante die zehn Treppen hin- und her gestiegen wĂ€re. Sie wurde chloroformiert und mit dem Aufzug befördert.
Endlich, es war eine Erlösung, etwa wie der Friedensschluss zu MĂŒnster nach dem 30jĂ€hrigen Krieg um 1648, als die Tante das Blau fand, was ihr so gut zu Gesicht stand. Sie prĂŒfte glĂ€ttend den Stoff »Taft bricht leicht.« – »Er ist aber doch so dick«, murmelte ich blöde, »der PrĂ€sident der Vereinigten Staaten?«
Sie brauchte zwei Meter fĂŒnfzig. Eilfertig nahm ein FrĂ€ulein in Schwarz einen Zollstock, um dieses Quantum abzumessen. NatĂŒrlich war das vorhandene StĂŒck (vom Fachmann Coupon genannt) etwa achtzig Zentimeter zu kurz. 


Die Tante stach dem FrĂ€ulein eine lange Hutnadel, der Zorn der Elektrischen Bahn-Schaffner, in das linke blaue Auge. Aber es schadete nichts, denn das Auge war aus Glas – Gott sei Dank! 


Ich kniete, als das endlich gefundene StĂŒck von der blauen Seide, deren Blau die Tante so gut kleidete, zu kurz war, nieder und bat den Himmel und alle Götter, sie möchten doch die fehlenden achtzig Zentimeter blauer Seide beschaffen. »Nehmen Sie GrĂŒn anstatt Blau, GrĂŒn ist der FrĂŒhling und die Au«, sagte eine belegte Stimme von oben ziemlich gereimt. 


Die Tante war, weil es wie eine Offenbarung war, mit GrĂŒn nunmehr einverstanden. Man stieg hinab in das Unterhaus, wo die bunten Seiden waren. Nach einem dreiwöchigen Suchen und PrĂŒfen entschloss sie sich fĂŒr SpinatgrĂŒn. Zwanzig VerkĂ€uferinnen lagen tot am Boden, vier Ressortchefs waren völlig pathologisch geworden. Ein Elektrotechniker fraß GlĂŒhbirnen. 


Die Tante forderte noch rote Seide als Besatz. Tableau! Ich legte mich auf den Boden und biss in die Blasen, die sich im Linoleum des Bodenbelags gebildet hatten.  Die VerkĂ€uferinnen flĂŒchteten mit Grauen vor dem Wunsche der Tante. Ich machte mein Testament. 
Man probierte. Das Rot passte nicht auf das GrĂŒn. Zehn BrowningschĂŒsse. Zwei VerkĂ€uferinnen tot. 

Vier Jahre spĂ€ter fand man ein passendes StĂŒck roter Seide. Die VerkĂ€uferin, die das StĂŒck fand, war eine Waise. Die Tante schenkte ihr aufgeweichten Lakritz aus der warmen Tasche. 


Meine Augen hingen sehnsĂŒchtig an den Lippen der Tante: Der Blusenkauf war beendet, mußte sein Ende gefunden haben. Ich Tor. Ich war ein alter Mann geworden, und ein langer Bart hing mir ĂŒber die Brust. Die FrĂ€uleins, die die durch die Tante heraufbeschworene Katastrophe ĂŒberlebt hatten, waren teilweise Urgroßmutter, andere Großmutter. 


Der Schlag soll mich treffen! Die Tante öffnete ihr karĂ€tiges Gebiss und stieß das eine kurze, knallende Wort wie einen gellen Flintenschuss hervor: »Knöpfe!«
Der Schlag traf mich nicht. Ich war verblödet und erwartete nichts anderes. Mein Bart wuchs mir in die Stiefel. 


Knöpfe waren auf der achten Etage. Nach zwei Wochen krochen 400 Angestellte des amerikanischen Warenhauses auf dem Boden der achten Etage wie Ameisen, auch unter die SchrĂ€nke, um die wie Konfetti auf der ganzen Etage fußhoch durch das hysterische Herumwerfen der Kartons und durch das Platzen der Böden auf die Erde gefallenen Knöpfe aufzulesen. 


Die Tante trieb NĂ€gel durch die Ösen bestimmter Knöpfe und nagelte sie auf die stramme Uniformbrust eines Liftboys fest. So konnte sie sehen, wie die Knöpfe wirkten. 


Ich war so alt geworden, dass ich von einer Yoghurtfabrik als Reklamegreis zu Propagandazwecken fotografiert wurde. 
Die Tante konnte den gewĂ€hlten Knopf nicht nehmen, es fehlten vier am Dutzend. Sie spuckte ihr Gebiss aus. Der Boy fand einen mĂŒhelosen Tod. Die LiftfĂŒhrer, zehn an der Zahl, verloren den Verstand und ließen sinnlos die AufzĂŒge auf- und niederrasen, dass die Splitter flogen. Mechanische Spielwerke drehten sich selbst auf und liefen verhetzt herum. Angestellte kletterten verstört auf die Regale und die SĂ€ulen. Andere fraßen in ihrer seelischen Not Pottasche. 


Als die Tante nun noch SchweißblĂ€tter verlangte, die gerade ausgegangen waren, weil es eisiger Winter geworden war, erhob sich ein wildes Tohuwabohu, das elektrische Licht ging aus. Alles stĂŒrzte zu der immensen vierteiligen DrehtĂŒr des Haupteinganges, und ein wildes Rasen und Drehen, in das ich auch gerissen wurde, begann. Mit einer furchtbaren Schnelligkeit drehte sich die TĂŒr, Ohren und Finger wurden von der Zentrifugalkraft abgerissen. Mir flogen die Rippen weg, das war mein Tod. 


Das letzte Wort der Tante gellte mir in den Ohren: »HĂ€kchen fĂŒr hinten muss ich noch haben!« 

Das amerikanische Riesenwarenhaus ist eingefallen. Nur die rasende DrehtĂŒr mit Klumpen unzĂ€hliger Menschenleiber dreht sich noch in ihrer wilden Fahrt, und unaufhörlich gleiten in gefĂ€hrlicher Schnelle in ihren eisernen FĂŒhrungen, die wie TĂŒrme aus dem Schutt emporragen, unzĂ€hlige AufzĂŒge sinnlos auf und nieder.
Frau Bender konnte die Platze wegen der neuen Bluse von Tante Dorchen nicht kriegen; sie ist in der Zwischenzeit an einer BauchfellentzĂŒndung gestorben. 

 

Hermann Harry Schmitz „Die Bluse“; Aus: DĂŒsseldorfer General-Anzeiger vom 13.10.1912; Buch der Katastrophen, Leipzig 1916  

 

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